Ich war einige Tage nicht im Park. In der Zwischenzeit ist er üppig geworden, ausladendes Grün an allen Bäumen und Sträuchern. Ich setze mich auf eine der drei Bänke mit Blick auf die Freifläche. Es sind viel mehr Menschen unterwegs als noch im April, erstaunlich viele von ihnen in sportlichen Aktivitäten: Mehrere Jogger ziehen an mir vorbei, auf der Rasenfläche im hinteren Teil, dort, wo morgens schon die Sonne scheint, übt eine Frau Yoga, und irgendwann erscheint auch der hagere Mann mit dem langen grauen Bart, der immer ganz gerade und konzentriert geht. Er sucht sich eine Stelle für seine Qi-Gong-Übungen.
Während ich die Eichhörnchen beobachtet habe, die einander um den Stamm der Kastanie jagen, hat sich ein Mann auf die Nachbarbank gesetzt, die mit etwas Abstand zu meiner steht. Ich schaue kurz zu ihm hinüber und bemerke, dass hinter ihm ein Stativ mit einem Lichtring steht. Offenbar bereitet er einen Videobeitrag vor, vermutlich für Social Media. Das interessiert mich, dennoch versuche ich, nicht hinzuschauen. Wie es scheint, interessiert es mich aber doch zu sehr, denn kurz darauf packt der Mann seine Sachen. Ich sehe ihn zwischen den Bäumen verschwinden, das Stativ in der Hand wie ein Jäger seinen Speer.
Die Frau spazierte auch schon vorbei. Nicht direkt bei mir, sie lief über die große Fläche. Vielleicht hatte sie mich gesehen, auf dieser zentralen Bank, auf der auch sie manchmal sitzt, und ist deshalb in eine andere Richtung abgebogen – aus Rücksicht oder aus Unbehagen.
Bevor ich den Park verlasse, laufe ich noch eine Runde die Wege entlang. Auf der hinteren Rasenfläche, entdecke ich den Mann wieder. Er sitzt in der Sonne, an einen jungen Baum gelehnt und liest ihn einem Buch. Zumindest tut er so, als würde er lesen. Er hält ein Buch in der Hand. Hinter ihm steht sein Stativ, an dem, das sehe ich erst jetzt, neben dem Ringlicht auch ein Mikrofon befestigt ist. Performative Reading also. Doch auch dieser Platz ist nicht ideal für ihn. Gerade faltet in unmittelbarer Nähe eine Frau ihre Picknickdecke auseinander und hebt ihr Kind aus dem Buggy. Ich vermute, der Leser wird bald weiterziehen. Vielleicht kann er heute nichts mehr in die Welt hinaus senden, vielleicht versucht er es morgen erneut.