Heute will ich in der Bibliothek arbeiten.
Ich suche meinen alten Benutzerausweis, und als ich ihn finde, in der kleinen Box zwischen abgelaufenen Kundenkarten, Bewerbungsfotos und Visitenkarten von Menschen, an die ich mich nicht mehr erinnere, merke ich, dass ich nicht mehr dieselbe Person bin. Ich trage einen anderen Namen. Seit fast fünfzehn Jahren schon bin ich eine Andere und diese Andere war noch nie in jener Bibliothek, in der die andere Andere Monate ihres Lebens verbracht hat. Der Ausweis wurde vor neunzehn Jahren ausgestellt, ist vor achtzehn Jahren abgelaufen, und dennoch habe ich ihn heute Morgen wiedergefunden.
Die Mitarbeiterin an der Anmeldung blickt auf das Pappkärtchen, als halte sie ein seltenes Fossil in der Hand. Sie sucht im System nach mir, doch meinen Namen findet sie nicht, nicht den neuen (natürlich nicht), nicht den alten.
Das System kennt mich nicht mehr.
Die Frau schickt mich zu einem Computerterminal, dort muss ich mich erneut registrieren. Als ich zur Anmeldung zurückkehre, darf ich mir eine Plastikkarte mit meinem Wunschmotiv aussuchen („Vogel, Falter oder Ochse?“) und erhalte eine neue Nutzernummer. Die Frau sagt es fast entschuldigend, als hätte ich die alte Nummer über all die Jahre im Kopf mit mir herumgetragen, als könne ich sie immer noch auswendig und müsse jetzt mühsam umlernen. Sie schiebt mir das Pappkärtchen und die Plastikkarte über den Tresen zu. Sagt, den alten Ausweis könne ich wieder mitnehmen.
Im selben Moment fällt ihr ein, dass das ein Fehler war.
Eigentlich müsse sie den alten Ausweis einziehen, korrigiert sie sich, denn es dürften nicht zwei Ausweise für eine Person in Umlauf sein.
Eigentlich würde ich die kleine Pappkarte gern behalten als Souvenir an längst vergangene Zeiten, doch ich spüre das Unbehagen der Mitarbeiterin. Sie baut eine Brücke, bietet an, das Kärtchen für mich zu vernichten; als wäre es ein unzumutbarer Aufwand für mich, dies selbst zu tun. Ich gehe über die Brücke, schiebe ihr den alten Ausweis über den Tresen zurück und dann passiere ich mit meiner neuen Karte, meiner neuen Nutzernummer, meinem fast fünfzehn Jahre alten neuen Ich das Drehkreuz.