Zettelkasten

Die Teilnehmende Beobachterin ist unterwegs im Alltäglichen. Sie spaziert entlang der Grenzen von Literatur, Ethnografie und Dokumentation. Sie sammelt und notiert.

Dies ist ihr digitaler Zettelkasten.


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Störung

Ich betrete den Park nicht mehr leichtfüßig.

Schon hinter dem Tor schaue ich mich um, ob ich sie erblicke und wähle meine Route entsprechend.

Seit einigen Wochen ist morgens noch eine andere Frau hier unterwegs, dreht ihre Runden. Sie ist nicht die einzige, vor allem im Frühjahr sind auch einige andere zu meiner Zeit unterwegs, aber diese eine verursacht eine Irritation. Sie läuft mit dem Uhrzeigersinn, ich in die entgegengesetzte Richtung. Doch das ist es nicht, ist es nicht allein. Sie hat etwas an sich, das mich aus dem Gleichgewicht bringt. Etwas an ihrer Art stört mich auf irrationale Weise zutiefst.

Es ist das Gefühl, das sie mir zurückwirft: dass ich sie störe. Mit meinem Umherlaufen, meinem Ihr-entgegen-Kommen störe ich ihr eigenes Spazieren.

Wenn sich unsere Wege kreuzen, schauen wir beide nur flüchtig hin, meistens schauen wir weg und geben vor, die andere nicht wahrzunehmen, sie nicht zu kennen.

Bei keinem der anderen Menschen, die ich morgens im Park sehe, habe ich dieses Gefühl. An den meisten gehe ich vorbei, manche grüße ich mittlerweile. Sie nicht.

Und ich frage mich, ob ein Grüßen die eine Handlung wäre, die alles verändern, alles auflösen würde. Wenn wir uns morgen mit einem kaum merklichen Nicken begrüßen würden, einem Blick des Erkennens. Als wäre dann etwas Unausgesprochenes beiseite geschoben. Als könnten wir dann unserer Wege gehen, denn dann teilten wir etwas, das wir bisher schützend für uns alleine haben wollten, jede für sich. Denn eigentlich ist es lächerlich, dieses sture Beharren.

Doch dann denke ich: Wenn ich sie grüße, sind wir plötzlich auf eine Weise verbunden, die eine Verpflichtung nach sich zieht. Dann müssten wir uns auch weiterhin grüßen. Wir könnten nicht auf einmal wieder so tun, als würden wir die andere nicht wahrnehmen. Das wäre merkwürdig. Und manchmal zu grüßen und manchmal nicht, würde eine neue Irritation hervorrufen.

Also belassen wir alles beim Alten.

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Vorbild

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