Das Café. Ich will nicht die Erste sein, will nicht direkt um acht Uhr vor der Tür stehen, und laufe noch einmal die Straße rauf und runter. Als ich zurückkomme, ist Stoßzeit, an der Theke schon eine Schlange. Der Tisch in der Ecke links hinter der Treppe ist dennoch frei. Ich nehme Platz in einem Sonnendreieck bei Temperaturen, die Herbst sind.
Ich sitze vor einer heißen Zitrone und habe die Jacke nicht ausgezogen. Auf dem Deckel des Honigglases sammelt eine Biene Pollen in der Mitte eines rosafarbenen Gänseblümchens.
Die Frau, die vor mir bestellt hat und sagte, sie nehme erst einmal draußen Platz, wenn es ihr zu kalt würde, käme sie wieder rein, ist wieder reingekommen.
Unten im Hauptraum klappert Geschirr, Kaffeetassen, Untertassen, die Siebträgermaschine faucht.
„Der Americano ist schön geworden“, höre ich eine der drei Frauen hinter der Theke sagen. Ich vermute, sie sagt es zum Mann an der Kaffeemaschine. Als ich reinkam, gab sie ihm den Hinweis, er könne sie (die Milch, die Maschine?) noch etwas heißer machen. Ich vermute, er lernt noch, vielleicht ist es sein erster Tag.
Ich denke über die Geschichte nach, über O. und über L. und über den, den ich wohl M. genannt habe, und das scheint mir ein passender Name zu sein.
An einem der niedrigen Tische sitzt ein Mann mit seiner Tochter. Das Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, trägt schwarzen Hoodie mit Skelett-Print zu pastellfarbenen Schmetterlings-Leggins. Sie bekommt ein Glas Milchschaum, er einen Cortado. Sie wechseln ein paar Worte auf Spanisch. Keine zehn Minuten später sind sie verschwunden.
Am begehrtesten Tisch, an der Rückseite des Raumes neben der Geheimklappe in der Wand, sitzt, mit Blick durchs ganze Café, eine große blonde Frau in meinem Alter. Auch sie schlägt ein Notizbuch auf, es ist viel größer als meins. Sie trinkt Flat White mit Hafermilch (sie bestellte vor mir) und isst Joghurt mit Früchten, dazu ein gekochtes Ei.
Ich rieche das Ei über den Raum hinweg.
Einige Zeit später gehe ich noch einmal nach vorn, um ein weiteres Getränk zu bestellen. Der Mann hinter der Siebträgermaschine notiert meinen Wunsch mit einem blauen Kugelschreiber auf einem Karoblock. Hinter GALÃO malt er das Zeichen für weiblich. Damit meint er mich.
Zurück an meinem Tisch sehe ich, dass die blonde Frau Gesellschaft bekommen hat, eine andere Frau, dunkle Haare und Jeansbluse. Sie unterhalten sich auf Englisch über die Schwierigkeiten des internationalen Buchmarktes. Kein Verlag wolle mehr Übersetzungen, jeder halte sich zunächst an die eigenen Autoren. Die erste Frau erzählt, dass sie gerade an ihrem zweiten Buch arbeitet. Sie schreibt, so verstehe ich es, über Kunst, über die Künstlerin Hilma af Klint. Sie redet schnell und laut, sie ist begeistert von ihrem Thema, das hört auch die andere Frau, die vielleicht ihre Agentin ist. Die Autorin berichtet von ihren Plänen, nach New York zu reisen und dort mit einigen Menschen zu sprechen, zu sehen, was sich ergebe, in New York fühle sie sich immer wohl, da falle ihr das Leben leicht. Hier sei immer alles schwierig. Die Agentin versichert der Autorin ihre Wertschätzung, sie könne ihr allerdings nichts versprechen, sie habe viele Themen auf der Liste und wenig Kontakte in New York. Zugleich wolle sie sie nicht bremsen in ihrem Vorhaben, denn sie spüre die Begeisterung. Jetzt ist es die Autorin, die der Agentin ihre Wertschätzung versichert (“I appreciate your transparency”). Sie wird sich allein darum kümmern müssen, ihr Buch zu realisieren, das weiß sie jetzt.
Die Autorin zahlt an der Theke mit vielen kleinen Münzen. Es sind 20 Cent zu wenig, wie der Mann an der Kaffeemaschine nach mehrmaligem Zählen feststellen wird, doch da sind die beiden Frauen längst unterwegs zu neuen Projekten.